Genetische Vorsorge für Tumorerkrankungen

Modul PRV01

Tumorerkrankungen können durch vererbte Veränderungen im Erbgut entstehen. Mit einer individuellen Planung der Vorsorge können potenzielle Tumoren frühzeitig erkannt und wirkungsvoller behandelt werden.

Beispielsweise kann ein frühes Erkennen des Tumors die Prognose deutlich verbessern: Mehr als neun von zehn Frauen, die an Brustkrebs erkranken, überleben fünf Jahre oder länger, wenn ihre Krankheit im frühesten Stadium (Stadium I) diagnostiziert wird. Diese Zahl sinkt auf etwa drei von zehn Frauen, wenn Brustkrebs in einem weit fortgeschrittenen Stadium (Stadium IV) diagnostiziert wird (Abbildung 1).

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Überlebensrate bei Brustkrebs nach Stadium bei der Diagnose

Abbildung 1: 5-Jahres-Überlebensrate bei Brustkrebs nach Stadium bei der Diagnose (Daten aus1).

Was sind Tumorerkrankungen?

Ein Tumor ist eine Neubildung von Zellen (Neoplasie). Sind die neu gebildeten Zellen bösartig (maligne), spricht man von Krebs. Solche Tumoren sind geprägt von unkontrolliertem Zellwachstum. Mit der Zeit zerstören sie das umliegende Gewebe und bilden Tochtergeschwülste (Metastasen) aus.

Jede Zelle im Körper hat einen Zellkern, in dem Chromosomen untergebracht sind. Diese Chromosomen bestehen aus DNA.

Abbildung 2: Nahezu jede Zelle im Körper hat einen Zellkern, in dem die Chromosomen liegen. Die Chromosomen bestehen größtenteils aus DNA und verschiedenen Proteinen (Histone), welche spiralförmig im Chromosom aufgerollt sind (Chromatinfaden). Die DNA besteht aus den Grundbausteinen A, C, G und T. Jedes Gen besteht aus einer bestimmten Abfolge dieser Bausteine. Auf einem Chromosom befinden sich mehrere Hundert bis mehrere Tausend Gene.

Für die Entstehung von Krebs spielen krankheitsverursachende Veränderungen im Erbgut einzelner Zellen eine entscheidende Rolle. Als Auslöser für diese Veränderungen werden in vielen Fällen äußere Faktoren (z. B. Strahlenbelastung oder Rauchen) in Betracht gezogen. Ein Teil der auftretenden Tumorerkrankungen entsteht jedoch durch angeborene, meist vererbte Veränderungen im Erbgut.

Die Erbinformation wird auch DNA genannt und besteht aus vier Grundbausteinen: Adenin (A), Guanin (G), Cytosin (C) und Thymin (T). Die Abfolge dieser Grundbausteine bestimmt den Bauplan unserer Zellen. Ein bestimmter Abschnitt auf der DNA, der Informationen für den Bau eines bestimmten Proteins trägt, wird Gen genannt. Mehrere dieser Gene sind zu einem Chromosom zusammengefasst (Abbildung 2).

Liegt in der genetischen Information für ein Protein eine Veränderung (Variante) vor, kann dies zur Fehlbildung des Proteins führen. Ist dieses Protein am Zellwachstum oder der Zellteilung beteiligt, kann daraus ein Tumor entstehen (Abbildung 3).

Tumoren in frühen Stadien der Erkrankung sind oft einfacher zu behandeln. Daher ist eine frühe Erkennung der Erkrankung (und einer Veranlagung) wichtig.

Abbildung 3: Krebszellen (dunkelblau) können durch eine Veränderung der DNA-Sequenz (Genvariante) entstehen und in der Folge unkontrolliert wachsen und einen Tumor bilden. Siedeln Tumorzellen in andere Organe, entstehen sogenannte Metastasen.

Erfahrungsbericht

Malika S., 26 Jahre

Lebensstil: kocht gerne, verbringt viel Zeit mit der Familie

Ergebnis: Unsere präventive Diagnostik hat bei Malika S. ein erhöhtes Tumorrisiko aufgrund einer Variante im Gen PMS2 festgestellt, was beispielsweise Tumore in Darm, der Gebärmutter und anderen Organen verursachen kann.

Konsequenz: Malika S. geht nun regelmäßig zu engmaschigen Krebs-Früherkennungsuntersuchungen, da die Heilungschancen bei früher Erkennung und Therapie wesentlich besser stehen als bei einer späten Entdeckung eines Tumors. Dazu gehören z. B. Darmspiegelungen sowie weitere Vorsorgeuntersuchungen.

“Krebsvorsorge ist in meinem Umfeld ein wichtiges Thema. Daher habe ich mich testen lassen und weiß, dass ich regelmäßige Untersuchungen zur Früherkennung machen sollte. So habe ich im Erkrankungsfall bessere Behandlungsmöglichkeiten.

Malika S. hat ein erhöhtes Tumorrisiko.

Wie funktioniert die genetische Risikobestimmung?

Viele Faktoren können zur Entstehung von Tumorerkrankungen beitragen, wie z. B. UV-Licht, bestimmte Ernährungsweisen, Rauchen, Alkohol und genetische Veranlagungen. Wir helfen, das genetische Risiko zu bestimmen. Dazu nutzen wir Next-Generation Sequencing (NGS), eine umfassende Methode zum genauen Ablesen der “Grundbausteine“ des Erbguts und der zuverlässigen Detektion von Genveränderungen (Varianten).

Tumorerkrankungen (Vollständiges Genset, PRV01)

Im Modul Tumorerkrankungen werden 54 Gene analysiert, die mit einem erblich bedingten, erhöhten Tumorrisiko assoziiert sind. Wir untersuchen Gene, die für Tumoren des Verdauungstrakts (verschiedene Formen von Darmkrebs, Magenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs), für Brustkrebs, Eierstockkrebs, bestimmte Hautkrebsformen, Tumoren der Schilddrüse, endokrine Tumoren sowie bei weiteren Tumoren besonders relevant sind.

Brustkrebs (Modul PRV10)

Brustkrebs betrifft etwa jede achte Frau und stellt ca. 25 % aller Krebsfälle bei Frauen dar.2 Daher bieten wir auch die Möglichkeit, einen Blick speziell nur auf Gene zu werfen, die ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs mit sich bringen. Unter Umständen können Varianten in diesen Genen allerdings auch das Risiko für andere Tumorarten erhöhen.

Im Modul Brustkrebs werden 18 Gene untersucht, die bei Vorliegen bestimmter Varianten ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Tumoren in der Brust bergen. Durch das frühe Erkennen eines erhöhten Risikos können Maßnahmen wie engmaschigere Früherkennung und angepasste Untersuchungen eingeleitet werden. Bei rechtzeitiger Behandlung im Erkrankungsfall steigen die Chancen auf Heilung erheblich.

Prostatakrebs (Modul PRV11)

Äquivalent zum Modul Brustkrebs gibt es für Männer die Möglichkeit, sich im Modul Prostatakrebs gezielt auf Varianten in Genen testen zu lassen, die das Risiko für Tumoren der Prostata erhöhen. Der Prostatatumor ist der häufigste maligne Tumor bei Männern, und die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache bei Männern in Deutschland.3

Im Modul Prostatakrebs werden zehn Gene betrachtet, in denen bestimmte Varianten gehäuft zu Prostatatumoren führen. Ggf. kann bei einer dieser Varianten auch die Wahrscheinlichkeit für andere Tumorarten gesteigert sein. Bei erhöhtem Risiko ist auch hier zu empfehlen, sich engmaschiger untersuchen zu lassen, um bei einem Auftreten der Erkrankung frühzeitig mit einer geeigneten Therapie beginnen zu können.

Wird durch das Vorsorgepanel ein erhöhtes Risiko für eine Krebserkrankung erkannt, empfiehlt es sich, an entsprechenden Früherkennungsprogrammen teilzunehmen. Im Erkrankungsfall kann so rechtzeitig mit einer Behandlung begonnen werden.

Gen-Sets

Tumorerkrankungen (Vollständiges Genset, PRV01, 54 Gene)

APC, ATM, AXIN2, BAP1, BARD1, BMPR1A, BRCA1, BRCA2, BRIP1, CDC73, CDH1, CDKN2A, CHEK2, DICER1, EPCAM, FH, FLCN, KIT, MAX, MEN1, MET, MLH1, MSH2, MSH6, MUTYH, NBN, NF1, NF2, PALB2, PDGFRA, PMS2, POLD1, POLE, PTCH1, PTEN, RAD51C, RAD51D, RB1, RET, SDHA, SDHAF2, SDHB, SDHC, SDHD, SMAD4, SMARCA4, SMARCB1, STK11, TMEM127, TP53, TSC1, TSC2, VHL, WT1

Brustkrebs (PRV10, 18 Gene)

ATM, BARD1, BRCA1, BRCA2, BRIP1, CDH1, CHEK2, EPCAM, MLH1, MSH2, MSH6, PALB2, PMS2, PTEN, RAD51C, RAD51D, STK11, TP53

Prostatakrebs (PRV11, 10 Gene)

ATM, BRCA1, BRCA2, CHEK2, MLH1, MSH2, MSH6, NBN, PMS2, TP53

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Referenzen

1 NHS Digital. Cancer survival in England; cancers diagnosed 2015 to 2019, followed up to 2020. Veröffentlicht 2022.
2 Jochem, C. & Leitzmann, M. Brustkrebs – Prävalenz, Bedeutung und Implikationen für die Prävention und Gesundheitsförderung. In Prävention und Gesundheitsförderung, edited by M. Tiemann & M. Mohokum (Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg, 2021), pp. 763–776.
3 Dr. Cécile Ronckers, Dr. Claudia Spix, Claudia Trübenbach, Prof. Dr. Alexander Katalinic. Krebs in Deutschland für 2019/2020. Robert Koch-Institut.